Diese Worte von Rechtsanwalt Ken Dandar beschreiben das Szenario vom 16. Februar 2007: Der 20-jährige Kyle T. Brennan hatte sich kurz nach 23 Uhr in der Wohnung seines Vaters mit dessen 375er-Magnum in den Kopf geschossen. Ein Motiv war nicht unmittelbar erkennbar und es wurde kein Abschiedsbrief gefunden.

Magnum

Die Vorgeschichte: Kyle war bei seiner Mutter Victoria Britton in Virginia aufgewachsen, sein Vater Thomas Brennan lebte in Clearwater, Florida – und war Scientologe. Kyle und seine Mutter waren Nicht-Scientologen und Kyle hielt nichts von der „Religion“ seines Vaters.

Als Jugendlicher wurden bei ihm Depressionen und Panikattacken diagnostiziert und er bekam Lexapro verschrieben, was ihm ermöglichte, ein relativ normales Leben zu führen.

Ende November 2006 hob er sein gesamtes Geld ab und verließ mit über 7.000 Dollar sein Elternhaus – er wollte, so seine Aussage gegenüber seiner Mutter, nachdenken und mit sich ins Reine kommen. Seine Reise führte ihn über Des Moines, San Diego, Hawaii schließlich nach Clearwater, wo sein Vater lebte. Dass diese Reise nicht ganz „normal“ war, bestätigten sehr viele Menschen, denen Kyle auf seinem Weg begegnete. Begonnen bei einem FBI-Beamten, der mit ihm in Des Moines sprach, über einen Schuldfreund, dem gegenüber er meinte, dass ihn seine Familie umbringen wollte, und ein Polizeibeamter in Mauii, der ihn vorübergehend festnahm. Man kann davon ausgehen, dass Kyle seine Medikamente nicht mehr regelmäßig nahm.

Bei seinem Vater wollte Kyle seine Reise beenden und dieser wollte ihm auch „helfen“ – aber es war die Hilfe eines Scientologen. Auf der einen Seite versuchte Thomas Brennan seinen Sohn bei NARCONON unterzubringen und auf der anderen Seite, gab er ihm Vitaminpräparate, anstatt dafür zu sorgen, dass Kyle (wieder) regelmäßig Lexapro einnahm.

Und dann kam jener 16. Februar und das junge Leben des Kyle T. Brennan wurde ausgelöscht, als er sich in den Kopf schoss.

Victoria Britton wollte den Tod ihres Sohnes nicht auf sich beruhen lassen und beauftragte Rechtsanwalt Ken Dandar, den ehemaligen Anwalt im Fall des Todes von Lisa McPherson, Anfang Februar 2009 Klage gegen die Flag Service Organisation von Scientology, Denise Miscavige-Gentile, Gerald Gentile und Thomas Brennan wegen Fahrlässiger Tötung bzw. Unterlassener Hilfeleistung einzureichen.

Denise Miscavige-Gentile, die Schwester von David Miscavige, war als „Kaplan“ für Flag bzw. die Belange von Thomas Brennan in Familienangelegenheiten zuständig gewesen und beriet diesen gemeinsam mit Gerald Gentile, der wiederum für NARCONON tätig war – alle drei verbindet die Ablehnung von Lexapro oder anderer medizinischer Hilfe. Dafür empfahlen sie Vitamine und NARCONON.

Der Prozess zog sich fast 3 Jahre, bis Richter Steven D. Merryday am 6. Dezember 2011 das Urteil verkündete: Er konnte keinen bewiesenen Zusammenhang zwischen Scientology, der daraus abzuleitenden Einstellung der Beschuldigten und dem Freitod von Kyle T. Brennan erkennen.

Hatte Merryday den leichten Weg gewählt, der die Kausalität nur aufgrund von handfesten Beweisen als gegeben angesehen hätte und der sich nicht die Mühe gemacht hat, Scientology, deren Doktrin und die daraus entstehenden „Umstände“ zu untersuchen?

Es ist anzunehmen – Gerichtsfälle in den USA, bei denen Scientology ein Faktor ist, zeigen ein ähnliches Bild: Ausschluss bzw. Nichtberücksichtigung der Tatsache, dass Scientology indirekt Auslöser der jeweiligen Tat war.

Und was blieb der Mutter, Victoria Britton?

Eine Kostenaufstellung des Gerichts über fast 20.000 Dollar, die sie bezahlen muss …

Gerichtsrechnung

Victoria Britton: „Es gibt keine Worte, die das Gefühl einer Mutter beschreiben können, wenn sie ein Kind verliert. Ich würde viele Möglichkeiten finden, mit dem gemeinsamen Alltag umzugehen, wenn er bei uns sein würde. Immer wenn ich eine Gruppe von Studenten in seinem Alter sehe, halte ich nach ihm Ausschau – in der Hoffnung, ihn zu finden. Und er blickt mit seinen wunderschönen blauen Augen zu mir zurück. Er lächelt – und er trägt sein blaues Lieblings-T-Shirt!“

Dazu ein Video (2016) …

R.I.P. Kyle Brennan …